Ziel 10

Überwindung von Diskriminierungen aufgrund von Alter, Geschlecht, Behinderung, Rasse, ethnischer Zugehörigkeit, Herkunft, Religion oder wirtschaftlicher Ungleichheit, damit alle Menschen ein gesundes, glückliches Leben führen können.

Informationen und Anregungen

Theologische Reflexion

Da gibt es dann nicht mehr Griechen und Juden, Beschnittene und Unbeschnittene, Barbaren, Skythen, Sklaven, Freie, sondern Christus ist alles und in allen. Kolosser 3.11

Die Wurzel der Ungerechtigkeit ist das Ausbeuten von Unterschieden, was eine der grössten Herausforderungen für die Menschen darstellt. In der westlichen Welt vergrössert sich die Ungleichheit von Besitz und Einkommen, und die Gesellschaft spürt die Folgen. Weltweit ist die Aufteilung nach Rasse, Volksgruppe, Kaste oder Religion auf gefährliche Weise zum Alltag geworden. Wenn die Massenmigration zunimmt, führen Probleme in einem Gebiet schnell zu Problemen in einem anderen und verschärfen sich zusätzlich durch die Schaffung weiterer Barrieren zwischen Einheimischen und Fremden. Ziel 10 versucht, diese Schlüsselfragen sowohl innerhalb eines Landes als auch zwischen den Nationen anzugehen.

Eigentlich sind diese Fragen uralt: Wer ist mein Nachbar? Auf welcher Grundlage respektieren wir einander? Es heisst manchmal, fest verwurzelte Überzeugungen, vor allem wenn sie auf Glauben beruhen, seien Teil des Problems. Deshalb brauche es einfach mehr Toleranz. Das würde aber bedeuteten, dass alle Ansichten und Meinungen nicht nur willkommen, sondern im Grunde gleichwertig sind. Und wie dürfen wir dann jemanden kritisieren, der behauptet, Intoleranz sei akzeptabel? Wie begegnen wir dann der allzu häufigen Verteufelung des «Anderen», die der eigentliche Kern der Geschichte des barmherzigen Samariters ist? Wie können wir uns für jene Nächsten ohne Verdienst – wie auch immer man diesen «Verdienst» beurteilen mag – einsetzen, die wegen einer Behinderung oder einer anderen Benachteiligung nicht arbeiten können? Was es wirklich braucht, ist eine starke, objektive Grundlage, auf der die universelle Gleichheit gerechtfertigt werden kann, unabhängig vom Hintergrund, den Fähigkeiten oder dem Beitrag einer Person. Wenn auch der christliche Glaube oft eher unvollkommen gelebt wird, so ist er doch Standard in vielen Teilen der Welt, und das aus gutem Grund. Die Bibel hat sowohl eine hohe als auch eine realistische Vorstellung vom Menschen: einerseits nach dem Bilde Gottes geschaffen, andererseits grundlegend mit Fehlern behaftet, sowohl fähig zum erhabenen Guten als auch zum zerstörerischen Bösen. Unser Wert hängt nicht davon ab, was wir tun oder erreichen, wie viel wir besitzen oder verdienen, welcher Gruppe wir angehören, sondern davon, wer wir sind. Der oben zitierte Vers repräsentiert einen reichen Strom biblischer Zeugnisse, die über Jahrhunderte hinweg eine tiefgreifende Wirkung hatten und viele inspirierten. In unserer Zeit erkennt Ziel 10 die Herausforderung dieser Fragen von neuem: Es konzentriert sich insbesondere auf die ärmsten 40 Prozent in jedem Land und möchte ein überdurchschnittlich hohes finanzielles Wachstum unter ihnen sicherstellen. Der christliche Glaube und die christlichen Menschen haben einen einzigartigen und notwendigen Beitrag zu leisten, indem sie aus Liebe zu allen unseren Nächsten sprechen und handeln.

Disskussionspunkte

  • Aus welchem biblischen Grund haben sich Christen und Christinnen immer so aktiv um die Beseitigung von Ungleichheit bemüht?
  • Was sind die Gefahren einer weiteren Spaltung der Gesellschaft? Welche Anzeichen siehst du dafür?
  • Welche Trennlinien werden – abgesehen von den wirtschaftlichen – immer bedeutender?
  • Welche Herausforderungen oder Schranken wollte Jesus überwinden?
  • Welche Rolle spielt die Kirche heute bei der Beendigung von Sklaverei, Ungerechtigkeit und Ungleichheit?

Was kann ich tun?

Persönlich – Sei ein Fürsprecher für die Menschen um dich herum, die aufgrund ihrer «Andersartigkeit» ungleich behandelt werden. Lese Oxfam’s Bericht «Das Ungleichheitsvirus» (2021).

Lokal – Schaffe einen Dienst in deiner Gemeinde (Kirche, Nachbarschaft usw.), um Menschen in ungerechten Situationen mit Hilfe von Fachleuten zu helfen oder verweise sie an bestehende Organisationen in deiner Umgebung.

International – Unterstütze Initiativen, die Ungleichheit verringern, wie zum Beispiel die Projekte der Organisation Wycliffe.

Ziel 10 in Aktion

Mehr als eine Milliarde Menschen haben nach Angaben der Organisation Wycliffe immer noch keinen Zugang zur ganzen Bibel in ihrer eigenen Sprache. Neben der Arbeit an der Übersetzung der Heiligen Schrift engagiert sich die Organisation in der Alphabetisierung.

An vielen Orten wünscht sich die einheimische Sprachgemeinschaft ein Alphabet für ihre Sprache. Sie brauchen Lehrmaterialien, die an ihren meist mehrsprachigen Kontext angepasst sind, und Hilfe bei der Ausbildung von Lehrpersonen. Sie möchten technologische Unterstützung bei der Herstellung von Büchern. In all diesen Bereichen ist Wycliffe aktiv; das Ziel sind nachhaltige Alphabetisierungsprogramme, die es sprachlichen Minderheiten ermöglichen, ihre Sprache zu nutzen und zu bewahren. Wenn Menschen lesen und schreiben können, verbessert sich die Gesundheit der Bevölkerung, die Gesellschaft entwickelt sich und gleichzeitig wird die Armut verringert. Ein wichtiger Schritt ist immer auch die Bildung eines Sprachkomitees, das die Arbeit mehr und mehr verantwortet. www.wycliffe.ch

Das Ungleichheitsvirus: Die Corona-Pandemie droht die schon vorher dramatischen Unterschiede zwischen Arm und Reich, zwischen den Geschlechtern und zwischen Weißen und Black, Indigenous und People of Color (BIPoC) zu verschärfen.

Hassan ist 6 Jahre alt, es ist sein erster Schultag. Er ist eifrig dabei, Lesen und Schreiben zu lernen. Aber Hassan versteht die Lehrerin nicht, wenn sie auf Französisch spricht. Bis jetzt hat er immer Dangaléat gesprochen, eine der 18 Sprachen des zentralen Tschad. Mit der Zeit geht er immer weniger zur Schule. Die Sprachvereinigung Dangaléat, die von Wycliffe unterstützt wird, hat Vorschulprogramme eingerichtet, in denen die Kinder in ihrer Muttersprache lesen und schreiben lernen, bevor sie zum Französisch übergehen. Solche Programme reduzieren die Schulabbruchquote. Jetzt kann Hassan lesen lernen, weil er versteht, was man ihm beibringt.